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	<title>Rolf Lohrenz</title>
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		<title>Vatertag</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Nov 2010 02:55:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rolf Lohrenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Oft ist die letzte Erinnerung nur ein nackter Körper. Doch diese Erinnerung ist anders. Dieser Körper zeugt Spuren von mir. Aus ihm bin ich gekommen. Sein Sperma spritzte mich in die Leibesfrucht. Der  Leib ist fort, in der Seele vereint.  Heute macht sich der Schmerz erst breit. Er starb mit uns.  Sterben Sie! ich fordere [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Oft ist die letzte Erinnerung nur ein nackter Körper. Doch diese Erinnerung ist anders. Dieser Körper zeugt Spuren von mir. Aus ihm bin ich gekommen. Sein Sperma spritzte mich in die Leibesfrucht. Der  Leib ist fort, in der Seele vereint.  Heute macht sich der Schmerz erst breit.</p>
<p>Er starb mit uns.  Sterben Sie! ich fordere sie heraus! Sterben Sie. Alle</p>
<p>Das Gefäß, der Klang seiner Stimme – dies alles ist leer. Luftlos. Leicht. Gestorben – sterben wir! Gemeinsam und lachend.</p>
<p>Die Fenster geschlossen, verhängt mit einem großen Baumwolltuch. Die Unschuld des ersten Satzes ist vergangen. „Werfen Sie das Bettzeug fort!“, sagte die Pflegerin vom Roten Kreuz. Mein Vater war tot.</p>
<p>Es war Sonntag, als wir ihn in die Klinik brachten, wir wollten es nicht, doch außer dem Notarzt war niemand zu erreichen. Ein Drainageschlauch war gerissen. Mein Vater wird sterben, dass wussten wir, wir wollten ihn bei uns haben. Er wollte bei uns sein. Drei Tage mussten wir warten, uns mit Ärzten streiten, ehe der Krankenwagen erneut vorfuhr und diesen anderen Mann entlud. Ich sah meinen Vater nie wieder. Der Mann war tot. Die Nachbarin erzählte später, wie erschrocken sie vom Fenster wegsprang. Auch sie verlor ihren Mann. Damals. Erinnerungen.</p>
<p>Der Tod meines Vaters ist nun zwei Jahre her und erst heute finde ich langsam meine Stimme wieder. (Das zu lesen, schreiben fällt mir schwer.) Ich verliere ihn nie und doch fehlt er mir. Unvergessen sein Humor. Mein Vater war cool. Unvergessen, wie meine Schwester in den letzten Stunden seine Hand hielt, wie ich und mein Bruder vor dem Fernseher saßen, eine Serie sahen, die ich davor und danach nie sah, Bier tranken, hofften, dass die Nacht abschiedslos an uns vorüber geht  und meine Mutter in das Zimmer kam, dass mein Vater nicht mehr betreten konnte, und sagte: „Wenn ihr euch verabschieden wollt, dann kommt.“</p>
<p>„Quäle dich nicht, wir wissen, dass du uns lieb hast. Schlaf ein!“</p>
<p>Unvergessen diese letzten Worte meines Bruders. Noch ein Blick auf uns, seine Frau und Kinder, und mein Vater schlief ein.</p>
<p>„Ist er jetzt schon tot?“</p>
<p>„Nein.“</p>
<p>„Aber er atmet nicht mehr.“</p>
<p>Gemeinsam lachen.</p>
<p>Eine Kerze wird geholt.</p>
<p>Lachen.</p>
<p>Der Kühlschrank voller Wein, da ich Besuch zu meinem zweiten Geburtstag erwartet hatte. Ein Jahr zuvor bin ich knapp einem Unglück auf der Autobahn entgangen. Was war mein Vater froh. Wir tranken den Kühlschrank leer und redeten. Gemeinsam.</p>
<p>Der Hausarzt kam, es folgte die Schwester vom Roten Kreuz. Meine Schwester und ich zogen meinen Vater sargfertig an. Er blieb noch den ganzen Tag bei uns. Wir holten Verwandte, Freunde, die ihn noch einmal sehen wollten und weinten.  Ich saß lange bei ihm während die Kerze langsam abbrannte.</p>
<p>Schließlich fuhr ein silberner Lieferwagen vor. Mein Vater trug meine Schuhe.  Er wurde senkrecht aus dem Haus getragen, da es anders nicht möglich war. Mein Vater war Maurer und baute mit Humor. Meine Mutter weinte. Wir alle waren da. Ich geleitete ihn bis auf die Straße und fühlte mich ganz allein. Ein Trugschluss, wenn man in einer Reihenhaussiedlung wohnt, doch die Gardinen bewegten sich diesmal nicht.  Der Wagen fuhr fort, ich ging hinten in den Garten und sah ihm nach. Ich konnte zum ersten Mal weinen. Ich spürte den Blick meines Onkels, wie auch später zur Beisetzung, in meinem Nacken.  Alles braucht seine Zeit.  Doch der schmerzhafteste Abschied vollzog sich bei der Aufbahrung: Nicht nur, weil ich meinen Großvater zum ersten Mal sah, der mich aus der Leiche anlachte, sondern auch weil ich meine Schuhe unter der Sargdecke nicht mehr vorfand. Sie waren sehr bequem.  Wir traten in unsere Fußstapfen – Dankeschön!</p>
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		<title>Anton</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Nov 2010 02:54:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rolf Lohrenz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Sie sagen es! Jetzt läuft er durch die Straße und zündet ein Haus nach dem anderen an. Wir hören Schüsse und Schreie. Ein Krieg des Wahnsinns ist im Kleinen entbrannt. Direkt vor unserer Tür. „Bei einem Sommerregen sollte man nackt hinaus gehen!“ Er zog sich die Hosen aus, schaute in den Spiegel, zuckte die Schultern [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sie sagen es!</p>
<p>Jetzt läuft er durch die Straße und zündet ein Haus nach dem anderen an. Wir hören Schüsse und Schreie. Ein Krieg des Wahnsinns ist im Kleinen entbrannt. Direkt vor unserer Tür.</p>
<p>„Bei einem Sommerregen sollte man nackt hinaus gehen!“</p>
<p>Er zog sich die Hosen aus, schaute in den Spiegel, zuckte die Schultern und ging durch diese Tür – ich zeige direkt mit dem Finger auf ihr [sic!]. Ich ließ Sie gerade eben durch sie herein.</p>
<p>(Und es ward Licht. Das Kind schob den Kopf in die Welt. Verschmiert von Blut und Gewebe, begann sein Leid. Seine Mutter schrie. Presste mit aller Wucht die Frucht aus dem geschändeten Leib.)</p>
<p>Frisch gestrichen: <span style="text-decoration: line-through;">Eine Wohnung bietet Schutz.</span> Zeitgleich zitiert jemand Unbekanntes, in der Ferne kaum hörbar, Artikel 13 Grundgesetz.</p>
<p>Damals war die Wohnung für eine halbe Stunde gerammelt voll. Mehrere Männer kamen herein -Fremde, so wie Sie- installierten Unmengen an Technik. Die Eingangstür war leicht zu knacken – inzwischen geben sie es auch ganz öffentlich zu:</p>
<p>————-“Es war ein leichter Job!“———- hören wir den Polizistenchor.  Der Blick aus dem Fenster zeigt als Kulisse den Hafen einer kleinen Stadt. In einem Sondereinsatzkommando will niemand erkannt werden. Einen ihrer Vornamen werde ich aber nun im Vertrauen nennen: Marco. Den Abend zuvor feierten sie seinen Abschied. Ihn plagte sein schlechtes Gewissen.</p>
<p>Riecht nur! Durch den Raum wabert ein beißend-süßlicher Geruch. Er kommt von nebenan.</p>
<p>Gerade hören wir wieder einen Schuss. Erst später erfahren wir von der Trauer der Eltern, deren Kind leider etwas zu klein war. Bei dieser Größe war der Kopf unverfehlbar. Das Kind sackte auf dem nassen Asphalt zusammen, keuchte und fürchtete sich noch für einen kurzen Moment. Seine Qualen sind hier nicht beschreibbar. Die Eltern trauern um ihren Anton. Unwissend, dass ein Polizist ihn getötet hat. Ihr Opfer ist tot. Anton (9 Jahre) schloss seine blauen, traurigen Augen. (Für immer.)</p>
<p>Der einzige Familienvater in der Truppe wird an Selbstvorwürfen zerbrechen. Es beginnt wie so häufig mit Alkohol. Doch stoßen wir an dieser Stelle im Text erst einmal gemeinsam an, wir bilden nun schon ein paar Minuten eine Gemeinschaft, ließen uns aufeinander ein, vertrauten einander schon kleine Geheimnisse an: Prost einander! Die Gemeinschaft prostet einander zu [...]</p>
<p>Während sie trinken, sinkt Wagner unten auf der Straße leblos zusammen. Getroffen von nur einem Schuss. Er war sich seiner Schuld bewusst.</p>
<p>Den Alkohol brannte Wagner nach einem alten Familienrezept. In der Kammer nebenan, in der ein paar Schaben soeben einen Laib Käse belagern, stehen die Kolben, die er dafür benutzt hat. In einem davon eine Maus. Sie muss unverhofft hineingefallen sein. Der Kolben so eng, dass sie mit der Schnauze vorran sich die Nase plattdrückt. Sie kann sich nicht drehen, weder vor noch zurück.. Auf dem Anus kleine Bissen aus dem Käselaib. Man versuchte zu helfen. Sah dann aber weg.</p>
<p>Wir träumen nicht, all das ist wahr. Geht hinüber und seht nach! Überzeugungen wollen gewonnen werden. Erfahrungen müssen erlebt werden. Erlebnisse wollen erfahren werden.</p>
<p>Im Zweifel klammert man sich an einen Mäuseschwanz und rettet nebenher ein Leben. Einer von euch hat Mitleid. Aus dem geöffneten Fenster fliegt eine fast verhungerte Maus. Sie überlebt. Auf der Straße kreischt ein unprofessioneller Shantychor. Einer der Polizisten springt infolge dessen panisch ins Hafenbecken. Er wird ertrinken, wenn niemand ihn rettet. Ich tue es nicht! Und niemand sollte diesen Raum verlassen. Draußen ist es noch immer zu gefährlich.</p>
<p>In der Wohnung gegenüber vergewaltigt ein Mann seine Freundin. Fenster und Türen sind geschlossen. Er schlägt ihr mehrfach ins Gesicht. Jeder Verdacht scheint unbegründet. Auf der Straße laufen Menschen vorbei. Wir haben beschlossen, niemanden mehr herein zu lassen.</p>
<p>Um uns herum geschehen grausame Dinge, wir ziehen uns bewusst zurück:</p>
<p>Wir sehen dem Wurm beim Fressen zu. Wie er sein Kauwerkzeug in die gallertartige Masse schlägt, einen fast zu großen Fetzen herausreißt und in den viel zu kleinen Körper hineinzwängt. Stellen wir uns ein beleibtes Mädchen vor, das ein leberwurstfarbenes Engkleid trägt; rote Pumps an den mit Hornhaut überzogenen Hacksen. Gelb. Ihr ganzer Körper ein einziger Schlund, ein Schlauch der längst keine Nahrung mehr erträgt. Der würgt und ächzt, letztlich fast erstickt. Ein Brei, der kein Ende findet: Der Wurm legt sich seinen Vorrat an.</p>
<p>Wenden wir den Blick, dessen Augen wir uns bemächtigen, kurz ab: Betätigen wir die komplizierte Mechanik, dreht sich der Kopf nach links. Regen tropft von den Haaren herab. Kein Kommilitone in Sicht &#8211;  weit und breit. Erst gegen Ende der Geschichte werden sie wie Ameisen über diesen Platz, der sich vor unseren Augen erstreckt, wimmeln, und keiner von ihnen wird dann etwas von dem Wurm bemerken, der sich durch das Hirn eines ihrer Kommilitonen frisst. Sein Blut vom Regen längst verwaschen, liegt das junge Akademikerhirn angefressen auf den grauen Gehwegplatten. (evtl. hier die beschreibung eines bleichen körperbildes einfügen, dass sich nur durch den kontrast zwischen schamhaaransatz und blasser haut in das kollektive gedächtnis der gemeinschaft einbrennen wird!)</p>
<p>Es ist nicht mehr erlaubt Fragen zu stellen, doch dem Täter wird unweit von hier auf die Schultern geklopft. Lasst die Leute reden, nur glaubt ihnen nicht! Das wahre Opfer, der Sündenbock, der Büßer, der heißt Anton. Nicht anders.</p>
<p>Die Ameisen kommen: Jede Geschichte fängt mit einem Ende an. Gehen wir ihre Straße entlang. Zurück zum Anfang: Es klopft.</p>
<p>Aus der Kammer kommend, laufen sie immerfort. Es kribbelt schon. Die Unruhe stieg. Plötzlich geschieht etwas Wundersames: Einige Ameisen ahnten es schon, als sie die Schabe vorbeieilen sahen. Mit einem Satz schnitt sie das fortwährende Geschehen ab; der Kopf merkte nichts und lief weiter, der Schwanz blieb zurück. Hineingepfropft in die ziellose Dunkelheit, erschöpfte er sich. Ein Kribbeln der Gebärmutterhaut. Die Ameisen betäubt durch Sekret und Säure schliefen letztlich ein. Zeit des Wartens verging. Wagner war nur noch eine Erinnerung. Anton sein einziger Sohn. Ein Kind, für dessen Abtreibung die Zeit fehlte.</p>
<p>Sie aber hasste alle und bekam das Kind. .</p>
<p>Schließt jetzt die Augen und hofft zu träumen, denn es wird noch viel viel grausamer: Jeder kennt einen Nadelstich, den Geruch versengten Haars und verbrannter Haut. Fingernägel auf der Tafel.  Nur wenige kennen den Geschmack von Exkrementen. Das Kind kannte nichts anderes. Es war stark.</p>
<p>In diesem Moment stürzt ein Körper aus dem Dachgeschoß der Bahnhofstr. 55. 2001 wohnte ich selbst in dem Haus. Noch heute habe ich den Geruch der Wohnung in meiner Erinnerung.</p>
<p>Es ist verrückt!</p>
<p>„Die Tür war nie verschlossen.“</p>
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		<title>Hallo Welt!</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 15:59:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rolf Lohrenz</dc:creator>
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